Wie sehr sind die Menschen wirklich belastet?

Kaffee mit PFC

RA today: Was ist drin im Kaffeewasser? Foto: Florian Bayer
Was ist drin im Kaffeewasser? Foto: Florian Bayer

Nach Jahren des Leugnens mussten die Verantwortlichen unlängst zugeben, dass der Landkreis Rastatt unter einem der größten Umweltskandale Deutschlands leidet. Nach derzeitigem Stand sind 644 Hektar Boden mit Polyfluorierten Chemikalien (PFC) verseucht, die von 2003 bis 2008 in Kompost- und Papierschlammgemischen zur Düngung auf die Felder zwischen Rastatt und Bühl aufgebracht wurden. Die Chemikalien werden nicht abgebaut und gelangen nach und nach ins Trinkwasser. Das Fatale an PFC: Man sieht sie nicht, riecht sie nicht und kann sie nicht durch Abkochen loswerden, wie das bei anderen Verunreinigungen möglich ist.

Verschiedene Studien

Dass die PFC-Verbindungen, die sich im Körper vor allem an Proteine im Blut, Niere und Leber binden, gesundheitsgefährdend sind, weisen inzwischen verschiedene Studien nach. Nimmt man PFC auf, dauert es bis zu sieben Jahre, bis die Stoffe wieder aus dem Körper verschwunden ist. Wer jedoch täglich PFC mit dem Trinkwasser zu sich nimmt, wird die Belastung nicht mehr los, vermutet die Bürgerinitiative Sauberes Trinkwasser für Kuppenheim und strengte eine Studie an, die die Konzentrationen von PFC im Blut von Bürgern messen sollte, die mit PFC verunreinigtes Wasser täglich zu sich nehmen.

PCF im Trinkwasser des Wasserversorgungsverbandes Vorderes Murgtal

Die kommunalen Wasserversorger stießen per Zufall auf die Verunreinigung und ergriffen unterschiedliche Maßnahmen mit dem Ziel die PFC vom Leitungswasser fern zu halten. Im Sommer 2013 untersuchte das Chemische- und Veterinäruntersuchungsamt Karlsruhe (CVUA) das Grundwasser, aus dem sich das Wasserwerk Förch des Wasserversorgungsverbands Vorderes Murgtal speist. Dort wurde eine Verunreinigung mit PFC von 4,3 Mikrogramm/Liter festgestellt – weit über dem Grenzwert. Das Wasser war zum Verzehr nicht mehr geeignet. Der Verband versorgt 23.000 Einwohner in Gernsbach, Gaggenau-Selbach, Kuppenheim und Rastatt-Förch mit Trinkwasser.

Enthärtungsanlage mit Umkehrosmose

Als Konsequenz wurden drei Tiefbrunnen stillgelegt. Im August 2013 ging der bis dahin unbelastete Brunnen 5 ans Netz, dessen Wasser dem belasteten Brunnen 1 zugemischt wurde. Im August 2014 lag der PFC-Wert bei 0,77 Mikrogramm/Liter, im September 2014 bei 0,25 Mikrogramm/Liter. Nach Umbaumaßnahmen im Dezember 2014 läuft der Brunnen 1 über eine Enthärtungsanlage mit Umkehrosmose. So konnte die PFC-Summenkonzentration auf 0,037 Mikrogramm/Liter reduziert werden, was laut Richtlinien keine nennenswerte Belastung des Trinkwassers mehr darstellt. Brunnen 5 ist seit Mai 2015 ebenfalls mit PFC belastet.

RA today: EDas Trinkwasser für 23.000 Menschen ist belastet. Foto: Foto: Bettina Hesse
Das Trinkwasser für 23.000 Menschen ist belastet. Archivfoto: Bettina Hesse

Blutuntersuchungen durchgeführt

Im Januar 2015 führte die Bürgerinitiative Sauberes Trinkwasser für Kuppenheim eine Blutuntersuchung mit 17 Freiwilligen durch. Die PFC-Konzentrationen im Blut lagen im Durchschnitt bei 25 Mikrogramm/Liter. Im Mai 2016 ließen sich 13 Personen untersuchen, mit einem Durchschnittswert von 27 Mikrogramm/Liter. Dabei zeigte sich, dass nur bei Verzicht auf Leitungswasser eine Verbesserung der PFC-Belastung auftrat.

Im März 2017 ordnete Manfred Lucha, Landesminister für Soziales und Integration, eine großangelegte Untersuchung an. Die Auswertung ist noch nicht ganz abgeschlossen. Doch bereits jetzt steht fest, dass 77 Prozent der Teilnehmer, die mit PFC verunreinigtes Trinkwasser zu sich nehmen, PFC-Blutkonzentrationen deutlich über dem Grenzwert aufweisen. Bei Personen, die lediglich mit PFC belastetes Gemüse verzehrten, waren es zwei Prozent, bei der Kontrollgruppe null Prozent.

Bürger nicht interessiert

Andreas Adam und Ulrich Schumann, Vorsitzende der Bürgerinitiative, stellten nun die Ergebnisse vor und erläuterten Hintergründe und Bedeutung für die 23.000 Bürger, aus deren Leitungen noch immer Trinkwasser fließt, das mit PFC belastet ist. Die gesetzlich festgelegten Grenzwerte der Verunreinigung hält der Wasserverband ein. Die Belastung ist noch immer gegenwärtig. Der Handlungsspielraum für die betroffenen Menschen ist gering. „Ich kann nicht total auf Mineralwasser umsteigen“, sagt Ulrich Schumann. Schließlich habe man ein Recht auf gesundes Trinkwasser.

Die Tatsache, dass noch immer geringe Konzentrationen von PFC im Trinkwasser vorhanden sind, scheint jedoch kaum zu verunsichern. Selbst wenn der morgendliche Kaffee, der Tee am Nachmittag und das Spaghettiwasser fürs Abendessen eine PFC-Belastung aufweist, waren bei der Präsentation der Untersuchungsergebnisse und der anschließenden Diskussion über den Umgang mit den gesundheitsgefährdenden Stoffen kaum Bürger anwesend

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