Donnerstag, 13. August, 2020

Baden-Badener Casino-Tradition begann mit Glücksspiel in Hotels

Die „Great Spas of Europe“ haben ihre Bewerbung als UNESCO-Welterbe eingereicht. Das Land Baden-Württemberg und die Stadt Baden-Baden erwarten gemeinsam mit den übrigen zehn Städten nun voller Spannung die Entscheidung des Welterbekomitees, die coronabedingt verschoben werden musste.

Lisa Poetschki von der Stabsstelle Welterbebewerbung und Stadtgestaltung Baden-Baden geht in ihrem nachstehend veröffentlichten Beitrag unter anderem auf die fast 2.000-jährige Nutzung des Thermalwassers und die Tradition der Kurstadt als „Spielebad“ ein, die ihre modische und internationale Atmosphäre zum Großteil der im 19. Jahrhundert erteilten Glückspiel-Konzession zu verdanken hat.

Schon die Römer nutzten die Quellen

“Baden-Baden hebt sich durch seine außergewöhnlich lange Tradition in der Nutzung des Thermalwassers von anderen Kurstädten ab. Die Quellen wurden bereits von den Römern genutzt, die zu Initiatoren dieser fast 2.000-jährigen Tradition der Heilung durch Thermalwasser wurden. Ab dem zweiten Jahrhundert nach Christus waren römische Besatzungstruppen in Baden-Baden stationiert und gründeten am Fuß des Friesenbergs die Siedlung Aquae. Die Kaiserthermen, zu deren luxuriösen Ausbau der Badeeinrichtungen Kaiser Caracalla (188 bis 217 nach Christus) einen besonderen Beitrag leistete, befinden sich unter dem heutigen Marktplatz. Die archäologischen Überreste der Soldatenbäder in Baden-Baden mit ihren ausgeklügelten Heiz- und Wassertechnologien sind noch immer unterhalb des Friedrichsbads zu bestaunen.

Bescheidende Badehäuser

Im Mittelalter wurden die Qualitäten der heißen Quellen in Baden-Baden wiederentdeckt. Abhängig vom jeweiligen Arzt und dem Stand der Forschung wurden heilende Wasser für verschiedenste Krankheiten verwendet. Mittelalterliches Baden wurde in bescheidenen Badehäusern vollzogen. Um 1600 besaß Baden-Baden bereits zehn Badherbergen, über 300 Badekabinen und wurde von 3.000 Badegästen pro Jahr besucht.

Auch Markgraf Ferdinand Maximilian erkannte die Vorteile seines Herrschaftssitzes oberhalb der Quellfassungen und ließ von 1652 bis 1669 ein prunkvolles Bad mit reicher Stuckausstattung im Erdgeschoss seines Schlosses am Florentinerberg errichten.

Die Zerstörung Baden-Badens durch einen Stadtbrand während des Pfälzischen Erbfolgekriegs zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich im Jahr 1689 führte zum Ende des Badebetriebs. Die Stadt wurde zwar im 18. Jahrhundert langsam wieder aufgebaut, doch Badegäste kamen nur noch wenige in die Stadt.

Aufstieg zum internationalen Vergnügungszentrum

Dies sollte sich zum Ende des 18. Jahrhunderts ändern. Markgraf Ludwig Georg erlaubte per Erlass von 1748 einigen Badewirten das Hasardspiel zu veranstalten – unter Aufsicht einer markgräflichen Spielkommission. Der Ausbau zur Kurstadt begann mit dem Bau eines Promenadenhauses mit Kastanienallee außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern. Ab 1801 fanden erste konzessionierte und überwachte Glücksspiele in Baden-Badener Hotels statt. 1812 eröffnete im ehemaligen Jesuitenkolleg, im heutigen Rathaus, unter Aufsicht der Behörde eine Spielbank.

Mit der 1824 erfolgten Erweiterung des Promenadenhaus zum Konversationshaus mit dem neuen Casino und der Anlage eines Kurgartens stand dem Aufstieg Baden-Badens zur internationalen Kurstadt nichts mehr im Wege. Da das Glückspiel in den meisten Ländern Europas zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht legal war, besuchten nicht mehr nur regionale Gäste die Kurstadt, sondern Adelige, Künstler und Gelehrte aus der ganzen Welt.

Casino als gesellschaftlicher Treffpunkt

Das Spielkasino im Konversationshaus war seit 1824 der zentrale gesellschaftliche Treffpunkt der Stadt. Die französische Unternehmerfamilie Bénazet übernahm 1838 die Pacht für die Spielkonzession im Konversationshaus. Jaques Bénazet (1778 bis 1848) und sein Sohn Edouard (1801 bis 1867) sollten über die kommenden Jahre bis 1872 den Spielbetrieb in eine luxuriöse Spielbank wandeln. Die Familie Bénazet sollte auf Baden-Baden erheblichen Einfluss nehmen.

Die Einnahmen durch den Spielbetrieb ließ die Familie Bénazet der städtebaulichen Entwicklung der Stadt zugute kommen. So wurden unter anderem die Pferderennbahn in Iffezheim 1858 sowie das Theater von Edouard Bénazet finanziert, dass nun einen angemessenen Rahmen für die herausragenden musikalischen Veranstaltungen, Theaterstücke und Tanzinszenierungen international renommierter Künstler bot.

Das Glücksspiel war somit ein entscheidender Faktor für Baden-Badens Aufstieg zur international bedeutenden und mondänen Kurstadt. Es überrascht daher nicht, dass das Baden-Badener Spielcasino zum Vorbild für Monte Carlo wurde.

Fortsetzung der Badetradition

Doch die goldenen Zeiten des Glücksspiels in Baden-Baden sollten mit dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 ein Ende finden. 1872 folgte das Glücksspielverbot durch die neue Regierung des Deutschen Reichs unter Reichskanzler Bismarck. Dies stellte Baden-Baden, als ehemaliges Vergnügungszentrum Europas, vor die Herausforderung sich neu zu erfinden. Denn auch die internationalen Gäste aus Frankreich und England kamen nicht mehr in die Kurstadt. Man besann sich auf die jahrhundertealte Badetradition und entsandte Architekten in die bedeutendsten Modebäder Europas. Der Bau des Friedrichsbades, das seinerzeit als modernster Badepalast Europas galt, sollte der Beginn einer neuen Ära in Baden-Baden sein.”

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