Donnerstag, 13. August, 2020

Gutachten schlägt eine Klinik für ganz Mittelbaden vor

Die finale Entscheidung ist zwar noch nicht gefallen, doch alles deutet darauf hin, dass die Kliniklandschaft in Mittelbaden bis in zehn Jahren ein völlig neues Gesicht haben wird. Statt derzeit drei Akutkrankenhäuser in Rastatt, Baden-Baden und Bühl wird es voraussichtlich nur noch eine große Klinik geben.

Ein im November 2019 vom Klinikum beauftragtes Gutachten kommt zu dem Schluss, dass nur diese Ein-Standort-Lösung wirtschaftlich dauerhaft tragfähig ist. Das Gutachten wurde am Mittwoch in einer gemeinsamen nichtöffentlichen Sitzung von Kreistag und Gemeinderat Baden-Baden vorgestellt. Am Donnerstag informierten dann Landrat Toni Huber als derzeitiger Aufsichtsratsvorsitzender, Baden-Badens OB Margret Mergen sowie der Kaufmännische Geschäftsführer Jürgen Jung und der Medizinische Geschäftsführer PD Dr. Thomas Iber in einer Pressekonferenz über die Pläne.

Blick auf das Klinikum Balg. Foto: KMB

Mit seinen 890 Betten an jetzt drei Standorten erwirtschaftet das Klinikum seit Jahren negative Jahresergebnisse und steht daher nach eigenen Angaben – wie viele andere kommunale Krankenhäuser – vor der Herausforderung, Qualitäts- und Personalvorgaben der Gesetzgeber mit mehr Wirtschaftlichkeit in Einklang zu bringen. Wichtige Schritte auf diesem Weg seien mit der Schließung der Akutkliniken in Forbach und Baden-Baden (Annaberg und Ebersteinburg) unternommen worden. Doch das reiche nicht aus. „Wir sind jetzt an unsere Grenzen gekommen“, stellte OB Margret Mergen fest. Der nächste Schritt sei eine Jahrhundertentscheidung. Denn es gehe darum, was man für die nächsten 50 Jahre brauche.

Bei allen Überlegungen habe die Versorgungssicherheit oberste Priorität, betonte Jürgen Jung. Derzeit erreichen mit den Standorten Rastatt, Baden-Baden und Bühl 95,5 Prozent der Menschen in Mittelbaden innerhalb von 30 Minuten eine Klinik. Dieser im landesweiten Vergleich sehr gute Wert solle auch für die Zukunft gesichert werden. Mit Blick auf die bestehenden Verweildauervorgaben, dem  Trend zur ambulanten Behandlung (ein ab dem Jahr 2021 geltender Katalog zwingt noch mehr dazu, heute stationär erbrachte Leistungen ausschließlich ambulant zu erbringen), aber auch die Auswirkungen der demografischen Entwicklung standen neben dem vorhandene Strukturen auf den Prüfstand.

Die Bühler Klinik würde bei einer Drei-Standort-Lösung bestehen bleiben. Foto: KMB

Eine nicht unwesentliche Rolle spielt auch, dass die drei verbliebenen Häuser zwischen 42 und 98 Jahre alt sind. Der Instandhaltungs- und Sanierungsaufwand ist hoch, trotzdem lassen sich die Gebäude nicht an heutige Standards heranführen. „Das würde keiner mehr heute so bauen“, bekräftigte Jürgen Jung. Es müsste massiv investiert werden, zum Beispiel in den Brandschutz, ohne dass die Patienten irgendeinen Nutzen davon hätten. Ebenso wären Erweiterungsbauten notwendig.

Um eine fundierte Grundlage für eine Neuausrichtung zu erhalten, wurde im November 2019 das Kölner Unternehmen aktiva-Beratung im Gesundheitswesen GmbH mit einem Strukturgutachten zu folgenden Fragestellungen beauftragt:

  • Soll mittel- und langfristig an den drei Standorten Baden-Baden Balg, Rastatt und Bühl weiterhin Akutmedizin betrieben werden?
  • Sind weitere Standortreduktionen bis hin zu einer Ein-Standort-Lösung sinnvoll?

Das Forbacher Krankenhaus ist seit Kurzem keine Akutklinik mehr. Foto: KMB

Untersucht wurden drei Varianten im Hinblick auf die Kriterien Versorgungsicherheit, Versorgungsqualität, Personal/Arbeitsmarktsituation und Wirtschaftlichkeit: Die Drei-Standort-Variante, die den Status quo beibehält mit umfassender Sanierung der drei bestehenden Häuser, die Zwei-Standort-Variante unter Beibehaltung der Häuser in Baden-Baden und Rastatt (Neubauten oder heutige Standorte bei umfassender Sanierung) sowie die Ein-Standort-Variante mit einem Neubau an neuem Standort.

Wie das Klinikum aus dem Gutachten folgert, haben alle Varianten gezeigt, dass perspektivisch weniger stationäre Bettenkapazitäten in der Region benötigt werden. Ausgehend von derzeit 890 Betten an drei Standorten reduziert sich der Bettenbedarf bei nur noch zwei Standorten auf 675, bei der Ein-Standort-Lösung sogar auf 666.

Weiter kommt das Gutachten zu dem Ergebnis, dass das KMB an seinen drei Standorten Fachabteilungen, Geräte und Personal teilweise doppelt und mehrfach vorhält. Das hat laut Klinikum zur Folge, dass sich innerhalb bestimmter Leistungsgruppen das Behandlungsangebot dauerhaft zwischen den Kliniken aufteilt. Dadurch werde die Erreichung von Mindestmengen – ein wesentliches Kriterium einer qualitativ geforderten Zentrenbildung – verhindert. Das hätte zur Folge, dass spezialisierte Versorgungsangebote (zum Beispiel in der Tumortherapie) in Mittelbaden nicht mehr zur Verfügung stünden. Gleiches gelte für das Klinikpersonal, das in Folge von Doppelvorhaltungen nicht optimal und nicht mehr überall mit der erforderlichen Kompetenz eingesetzt werden könnte.

Auch dieses Gebäude in Ebersteinburg beherbergt keine Akutklinik mehr. Foto: KMB

Derweil könne mit der Ein-Standort-Lösung „Neubau“ eine höhere Qualität der medizinischen Leistungen erreicht werden, da die Fachkompetenz des gesamten Personalstamms gebündelt wäre. Kurze Wege würden einen höheren Grad an Interdisziplinarität und Spezialisierung ermöglichen. Doppelvorhaltungen würden vermieden. Und auch die heute sehr zahlreichen Verlegungen zwischen den jeweiligen Häusern gehörten der Vergangenheit an.

Auch hinsichtlich der zu erwartenden Kosten liegt die Ein-Standort-Lösung vorne: Der anhand von Anhaltswerten geschätzte Investitionsbedarf beziehungsweise der bereits detailliert überprüfte Sanierungsbedarf der Bestandsgebäude belaufen sich laut Gutachten auf einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag, während Neubaulösungen eine rund 20 (zwei Neubauten) bis 30 Prozent (ein Neubau) günstiger kämen. Bei einem Neubau können zudem mindestens 50 Prozent der Kosten über Fördermittel gestemmt werden, während bei der Sanierung im Bestand die Förderquote niedriger ist.

Bei einer Zwei- oder Drei-Standort-Lösung wäre nach Aussagen der Gutachter zudem dauerhaft mit negativen Betriebsergebnissen zu rechnen. Genau das will man aber mit der Neustrukturierung verhindern. Daher ist nur die Neubaulösung an einem Standort aus Sicht der Gutachter wirtschaftlich tragfähig.

X